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Lokales
08.04.2020
Daumen hoch für „Omas“
Gießener Mitglieder weisen mit Protestaktion auf „unmenschliche“ Zustände in Flüchtlingslagern hin

GIESSEN (ies). Aus einem Autofenster reckt sich ein Daumen nach oben, „Dankeschön, super“, ruft der Fahrer. Seine Geste und das Lob gelten den beiden Damen, die vor dem Haupteingang des Stadttheaters gleich im doppelten Sinne Position bezogen haben. „Menschen sterben lassen, ist Totschlag“, ist auf einem Plakat zu lesen, das Sabine Lohmann in die Höhe hält. „Einfach unmenschlich – Flüchtlingslager jetzt evakuieren“, wird auf einem weiteren Transparent angemahnt, das neben Birgit Dannat aufgehängt ist. Beide gehören den „Omas gegen Rechts“ an, die sich zu einer besonderen Protestaktion entschlossen haben. Um auf die prekären Zustände in den Flüchtlingslagern und die nicht nur durch die Corona-Krise drohende humanitäre Katastrophe aufmerksam zu machen, hocken noch bis Gründonnerstag jeweils zwischen 11 und 15 Uhr zwei „Omas“ im stündlichen Wechsel auf den Stufen des Stadttheaters – mit genügend Sicherheitsabstand auch zu den Passanten.

„Das Coronavirus bedroht gerade die ganze Welt und damit auch weltweit die Situation in den Flüchtlingslagern“, sagt Sabine Lohmann. „Es wäre eine Schande für die EU, diese Menschen einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Es passiert rein gar nichts vonseiten der Bundesregierung, das ist beschämend.“ Daher bestehe dringender Handlungsbedarf. Aktuell blieben überall jede Menge Hotelbetten leer, es gebe also genug Orte, die wesentlich mehr Schutz und Möglichkeiten zur Hygiene bieten könnten als die beengten Lager auf den griechischen Inseln.

Rund 44 000 Menschen harren dieser Tage in den Lagern von Moria und den umliegenden Inseln aus, die Angst vor dem immer näher rückenden Virus wächst stetig. „Die dort stattfindende unterlassene Hilfeleistung ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, kritisiert auch Dr. Dorothea von Ritter-Röhr. „Corona hat zwar schlagartig unsere Freiheitsrechte beschnitten, aber für uns ist das kein Grund, nicht auch an die Grenze von Europa zu schauen und auf diese üblen Missstände hinzuweisen.“ Bereits am Sonntag beteiligten sich die „Omas“ an dem bundesweiten Aktionstag „Wir hinterlassen Spuren“. Für Birgit Dannat und Sabine Lohmann ist klar: „Wir sind schon in den 70er Jahren auf die Straße gegangen, jetzt können wir einfach damit weitermachen.“