Lokales
22.05.2020
„Es gibt Frauen, die durchs Netz fallen“
Gießener Ärztin Kristina Hänel spricht im Interview über zusätzliche Probleme ungewollt Schwangerer in der Corona-Krise / Versorgung noch schwieriger geworden

Von Jasmin Mosel

GIESSEN. Ungewollt schwangere Frauen stehen in Deutschland unter Zeitdruck. Denn nur in den ersten zwölf Wochen ist ein Abbruch straffrei. Der Zugang zu einem gesetzeskonformen und sicheren Schwangerschaftsabbruch war auch schon vor der Corona-Krise mit zahlreichen Hürden verbunden. Gleich zu Beginn der Pandemie hat die Gießener Ärztin Kristina Hänel gewarnt, dass sich die Situation für betroffene Frauen nun weiter verschärfen könnte. Denn aktuell führen noch weniger Ärzte als vorher Abtreibungen durch, da viele aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe gehören. Dazu wird der Ablauf durch weitere bürokratische Hindernisse in die Länge gezogen. Im Interview spricht Kristina Hänel, die eine bundesweite Debatte über die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen angestoßen hat, über die Situation in ihrer Praxis und erklärt, warum es zu einer Zunahme ungewollter Schwangerschaften kommen könnte und vor welchen zusätzlichen Problemen ihre Patientinnen nun stehen.

Der Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen ist ohnehin nicht einfach, das berichten Sie immer wieder. Hat sich die Situation in Ihrer Praxis durch die Corona-Krise weiter verschärft?

Was die Versorgungslage angeht, erlebe ich in der Praxis noch mehr Zulauf. Wegen der epidemiologischen Situation musste ich Termine entzerren und erweiterte Sprechzeiten anbieten. Aber es ist trotzdem so, dass mehr Frauen zu mir kommen als vor Corona.

Woran liegt das?

Zum einen an Einzelfällen: Bei einem Arzt, der normalerweise Abbrüche macht, waren zum Beispiel die Krankenschwestern nicht verfügbar, weil sie ihre Kinder betreuen mussten. Er musste dann die Patientinnen hierherschicken. Und dann gab es zwischendurch Probleme, weil die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen eine Fehlmeldung rausgegeben hat. Dabei geht es inhaltlich um einen wichtigen Punkt, nämlich um die Frage, ob ein Abbruch ein elektiver Eingriff (zeitlich frei wählbar und aufschiebbar, Anm. d. Red.) oder ein Notfall ist. Den meisten betroffenen Behörden war relativ schnell klar, dass es sich um einen Notfall, einen nicht aufschiebbaren Eingriff, handelt. Aber die KV Hessen hatte eben eine Meldung veröffentlicht, die anders war. Das wurde dann zwar sehr schnell korrigiert, aber diese Information ist leider bei einigen Krankenhäusern und Ärzten nicht angekommen. Und die haben dann gesagt, dass sie keine Abbrüche mehr durchführen dürfen.

Was bedeutet das konkret für Ihre Arbeit?

Es gab einen gravierenden Fall, in dem ich die Frau nicht ambulant behandeln konnte. Sie musste im Krankenhaus untergebracht werden und das sagte dann: „Wir können das nicht machen.“ Dann habe ich das Sozialministerium eingeschaltet, damit es doch funktioniert. Natürlich sind das Einzelprobleme, aber man ist schon mal einen Tag mit Telefonieren beschäftigt. Eine Frau hat mir nun erzählt, dass sie vier Stellen durchtelefoniert und überall Absagen erhalten hat. Da waren auch Krankenhäuser dabei, die vorher Abbrüche durchgeführt haben. Das hat mich entsetzt.

Haben Sie Kontakt zu diesen Kollegen aufgenommen?

Der bundesweite Zusammenschluss „Doctors for Choice“, dem ich angehöre, hat schon früh in der Krise alle Ärzte, die normalerweise Abbrüche anbieten, angeschrieben und darum gebeten, ihr Kontingent zu erweitern. Eben damit sichergestellt ist, dass Frauen versorgt werden, da es sich abzeichnete, dass Notlagen entstehen werden. Es gibt auch Krankenhäuser, die ihre Kapazitäten sofort erhöht haben. Bundesweit haben wir aber das Problem, dass Ärzte-Nachwuchs fehlt. In Niederbayern hat jetzt aus Altersgründen ein Arzt aufgehört, der Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt hat. Es gibt keinen Nachfolger in ganz Niederbayern und aktuell ist auch die Grenze zu Österreich bis auf wenige Ausnahmen geschlossen.

In Deutschland gilt die Fristenregelung. Ein Schwangerschaftsabbruch ist bis zu zwölf Wochen nach der Befruchtung straffrei, wenn vor dem Eingriff eine Beratung stattgefunden hat und danach eine mindestens dreitägige Bedenkzeit eingehalten wurde. Ist es wegen der Corona-Einschränkungen schwerer als sonst, diese Frist zu wahren?

Anfangs gab es Probleme, weil die Beratungsstellen geschlossen haben. Glücklicherweise wurde in Hessen relativ zügig die Regelung geschaffen, dass auch Beratungen per Telefon oder Video akzeptiert werden. Das erleichtert an dieser Stelle die Situation für die Frauen.

Hätten Sie sich gewünscht, dass die Beratung komplett ausgesetzt wird?

Das wäre eine Möglichkeit gewesen, ist aber nicht passiert. Ich hätte mir vorstellen können, dass man sich an dieser Stelle an die Regelungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält, die vorschlägt, die Beratung zu streichen. Eben weil sie die Zeit bis zum Abbruch verlängert und damit gegebenenfalls gesundheitsschädigend für die Frauen ist. Aber Deutschland konnte sich bis jetzt nicht dazu durchringen, an dieser Stelle auf die evidenzbasierte Medizin (gestützt auf empirische Belege, Anm. d. Red.) zu hören. Das ist schon schade.

Können Sie kurz schildern, wie der Ablauf für betroffene Frauen aktuell aussieht?

Das größte Problem, das wir momentan haben, ist, dass der Abbruch – außer bei medizinischer Indikation oder Vergewaltigung – keine Kassenleistung ist. Das hängt mit der Strafrechtsregelung zusammen. Im Grunde genommen, ist das eine Katastrophe. 98 Prozent der Abbrüche werden nach der Beratungsregelung vorgenommen. Für Frauen mit geringem Einkommen übernimmt das Bundesland, in dem sie leben, die Kosten. Diese Kostenübernahmeregelung läuft über die einzelnen Krankenkassen und ist irre kompliziert. Da kommen schnell Verzögerungen rein. Die Frau geht zur Krankenkasse, die ist aber geschlossen. Also ruft sie an. Der Antrag wird dann per Post geschickt, darauf wartet sie, schickt die Unterlagen zurück und wartet wieder auf die Kostenübernahme. Die Frau ist dann vielleicht schon in der zwölften Woche. Das geht einfach nicht!

Wie ginge es denn unbürokratischer?

Die beste, sicherste und vernünftigste Lösung wäre es, wenn Abbrüche entkriminalisiert und als gesundheitliche Leistung behandelt würden. Jetzt, aus der Not heraus, wäre es wichtig, wenigstens den Antrag auf Kostenübernahme zu vereinheitlichen und zu digitalisieren.

Wie haben sich die Abläufe in Ihrer Praxis verändert? Ihre Patientinnen dürfen zum Beispiel keine Begleitpersonen mehr mitbringen.

Ja, das ist ein Problem. Aber es wird akzeptiert, da die Frauen einfach total froh sind, dass wir aufhaben und für sie da sind. Wir haben schon am 16. März alles umgestellt, Sprechzeiten verändert und das Personal in Schichten aufgeteilt. Von Anfang an haben wir niemanden ohne Mundschutz in die Praxis gelassen, um das Personal und mich zu schützen. Mitstreiter von „Pro Choice Gießen“ haben zum Glück Mund-Nasen-Masken für uns genäht. Am Anfang gab es ja kaum welche.

Und inzwischen?

Unter anderem durch eine Kooperation mit dem Gesundheitsamt sind wir gut ausgestattet. Jemand hat mir zum Beispiel anonym eine FFP2 Maske geschickt. Wir haben nun sogar Plexiglasmasken, die von einer Bundestagsabgeordneten privat gespendet worden sind.

Sie haben von Anfang an davor gewarnt, dass durch die Corona-Krise die Zahl der Frauen steigen könnte, die einen Abbruch zuhause selbst versuchen. Wie schätzen Sie die Situation aktuell ein?

Dieses Risiko gibt es natürlich, weil der Zugang aus all den zuvor genannten Gründen erschwert ist: Die Versorgungslage ist schwierig, die Beratung ist schwierig, die Kostenübernahme ist schwierig und die Situation an sich war auch vorher schon schwierig. Wenn ich das alles zusammenzähle, gibt es Frauen, die durchs Netz fallen, die den Abbruch nicht schaffen. Dann gibt es mehrere Möglichkeiten. Die Organisation „Women on Web“ verschickt die Abtreibungspille in Länder, in denen Frauen keinen Zugang haben und inzwischen auch nach Deutschland. Das ist illegal, nimmt aber zu. Demnächst wird eine Studie aufzeigen, wie viele Frauen in Deutschland auf diese Möglichkeit zugreifen. Das muss einfach mal benannt werden: Es gibt Frauen in Deutschland, die machen darüber den Abbruch.

Vermutlich gibt es eine hohe Dunkelziffer?

Worüber wir nichts wissen, sind die Frauen, die den Abbruch nicht bekommen und dann womöglich Suizid begehen. Und auch die Frauen, die illegale Abbrüche machen oder dafür nach Holland fahren, kriegen wir nicht mit. Aber die gibt es ja. Das betrifft mehrere tausend Frauen im Jahr.

Wäre es denn theoretisch möglich, dass Frauen den medikamentösen Schwangerschaftsabbruch, wie ihn Ärzte unter anderem vornehmen, zuhause selbst durchführen können? Etwa wenn der Gang in eine Praxis nicht machbar ist?

Diese Diskussion ist im Moment unter Fachleuten in Deutschland sehr umstritten. Viele fordern das, ich persönlich aber momentan nicht. Theoretisch, wenn das Gesundheitssystem zusammenbricht, ist es eine Möglichkeit für Frauen. Und dann wäre es auch die richtige Forderung. In England zum Beispiel ist der medikamentöse Abbruch aktuell komplett telemedizinisch möglich.

Befürchten Sie, dass es in der Corona-Krise zu einer Zunahme an ungewollten Schwangerschaften kommen könnte, zum Beispiel durch häusliche Gewalt?

Es gibt ganz viele negative Auswirkungen. Es wird unter anderem versucht, die Pandemie darüber in den Griff zu kriegen, die Kinder nicht mehr rauszulassen. Man lähmt Frauen im Moment dadurch, dass die Kinderbetreuung weggebrochen ist. Eine Riesenproblematik, die auch hier ankommt, ist die Zunahme an häuslicher Gewalt, wozu auch sexualisierte Gewalt gehört. Ungewollte Schwangerschaften entstehen in Gewaltverhältnissen. Dazu kommen die Frauen, die vielleicht alleinerziehend sind, in der Krise ihren Job verloren und keine Perspektive mehr haben und dann kein weiteres Kind bekommen können. Frauen mit Suchtproblematiken, die nun schon mittags anfangen Alkohol zu trinken, obwohl sie gerade eine Entziehung hinter sich haben. Das sind jetzt einzelne Beispiele. Aber all die Lasten, die Frauen tragen, führen auch dazu, dass sie eine Schwangerschaft nicht austragen können.

Es gibt also eine Doppel-Problematik: Die Zahlen könnten steigen und der Zugang ist zusätzlich erschwert?

Es gibt aktuell einfach auf verschiedenen Ebenen Beschränkungen. Ich will nichts beschönigen, aber sowohl in Gießen, als auch in Hessen, habe ich auf politischer und behördlicher Ebene gute, kooperative Erfahrungen gemacht. Das liegt sicher daran, dass sich die Verantwortlichen des Problems bewusst sind. Wir diskutieren das Thema Schwangerschaftsabbrüche nun seit zweieinhalb Jahren, dadurch ist das Wissen präsent. Die Auswirkung auf die Gesundheit von Frauen wird in der Krise nun allerdings nochmal besonders offensichtlich. Archivfoto: Massimo Corti